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14.11.2017, 23:15 Uhr | Übersicht | Drucken
Streiten statt inszenieren
Johannes Gerster liest in Neulußheim aus „Typen und Mythen“

„Düffeldoffel“ – so beschimpfte einst SPD-Fraktionsführer Herbert Wehner keinen Geringeren als Helmut Kohl. Hautnah erfuhren dies die Besucherinnen und Besucher bei der Lesung von Johannes Gerster, zu der die CDU Neulußheim ins evangelische Gemeindezentrum eingeladen hatte. Denn Johannes Gerster (76) hat sie alle erlebt: Herbert Wehner, Franz-Josef Strauß, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Heiner Geißler, Helmut Kohl. Jetzt hat er wieder ein Buch geschrieben: „Typen und Mythen. Von Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner bis heute“.



Gerster saß von 1972 bis 1994 für die CDU im Bundestag, u.a. als innenpolitischer Sprecher und stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Aber nicht nur dieses Amt hatte Gerster inne, wie Andreas Sturm, Vorsitzender der CDU Neulußheim, bei der Begrüßung und Vorstellung des Gastredners, berichtete: „Johannes Gerster hat sich auch sehr für den israelisch-palästinensischen Ausgleich eingesetzt. Neun Jahre arbeitete er in Jerusalem für die Konrad-Adenauer-Stiftung.“ Außerdem war Gerster, wie Sturm schmunzelnd anmerkte, Generalfeldmarschall der Mainzer Ranzengarde.

Von Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner

Gersters Wortgewalt und seine Fähigkeit zu erzählen ließen dann die Zeiten, als die Politik noch unverwechselbare Persönlichkeiten kannte, lebendig werden. „Einen Blick in die Vergangenheit, keinen politischen Vortrag“, versprach Gerster seinen Zuhörerinnen und Zuhörern und begann mit der für ihn etwas peinlichen Geschichte seines ersten Bundestagswahlkampfs als CDU-Kandidat 1972, als er den berühmten Franz-Josef Strauß als Redner organisierte. Wie gewünscht empfahl Strauß der immens großen Zuhörermenge, „diesen ausgezeichneten Kandidaten Johannes … Gerstenmaier“. „Ich wäre auf der Bühne am liebsten im Boden versunken“, schilderte Gerster diesen Moment und zog auch ein Fazit: „Man sollte immer selbstkritisch bleiben und sich nicht im Wahlkampfeifer zum Star hochjubeln lassen, wenn man gar keiner ist.“

Herbert Wehner, den Fraktionsvorsitzenden und „Zuchtmeister der SPD“, erlebte Gerster dann als Mitglied des deutschen Bundestags in Aktion. Wehner, heute noch berühmt für seine grandiosen Reden, Wutausbrüche und Wortschöpfungen, hatte immer ein Redemanuskript. Aber wer hätte vermutet, dass es drei Spalten hatte: „In der rechten Spalte seine Rede mit eingebauten Provokationen, in der mittleren Spalte denkbare Zwischenrufe und in der linken Spalte seine vorausgedachten Reaktionen. Alles war vorgeplant und inszeniert, auch seine Wutausbrüche.“

Vor allem seit seiner Tätigkeit im Guillaume-Untersuchungsausschuss, der in den 70er Jahren den Fall des DDR-Agenten bei Bundeskanzler Willy Brandt mitaufklärte, war Gerster auch ins Visier der Stasi geraten. „Rund 50 Objektvorgänge mit tausenden von Seiten war ich dem DDR-Überwachungssystem wert gewesen“, fand Gerster bei der Einsicht in seine Stasi-Akte heraus. Bis heute sei er gleichermaßen verblüfft und schockiert, dass sein privates Telefon abgehört und seine Anrufe protokolliert wurden. Als „Feind der Republik“ durfte Gerster sogar eine Zeitlang nicht mehr in die DDR einreisen.

Vom Plaudern, Planen und Streiten

Die Zeit der DDR vermisst Gerster nicht, wohl aber Typen wie Strauß und Wehner und Debatten, bei denen die Fetzen flogen. „Heute finden die politischen Debatten in unzähligen Fernseh-Talk-Runden statt. Es sind immer dieselben Leute, die dort oft nur Belangloses plaudern, keiner tut dem anderen weh. Alles erscheint weichgespült.“ Die heutigen Parteitage sind für ihn Showveranstaltungen: Alles sei durchgeplant, Diskussionen und ein Ringen um Entscheidungen fänden nicht mehr statt. Seiner Meinung nach führte dieser Politikstil auch zur Erosion der beiden Volksparteien CDU und SPD. „Zu weit sind beide ehemalige Volksparteien vom Volk weg, zu wenig programmatische Leidenschaft zeichnet beide Parteien aus, zu wenig Streitkultur lässt Einblicke auf die inhaltlichen Debatten zu.“

Zum Abschluss der Lesung konnte sich Gerster einen Kommentar zu den aktuellen Sondierungsgesprächen von CDU/CSU, FDP und Grünen dann doch nicht verkneifen: „Sachlösungen müssen im Vordergrund stehen. Koalitionsgespräche sind keine Fortsetzung des Wahlkampfs!“ Mit dem großen Beifall der Zuhörerinnen und Zuhörer und einem Geschenkkorb, den Andreas Sturm im Namen der CDU Neulußheim überreichte, endete dieser unterhaltsame und mitunter auch nachdenkliche Abend.



aktualisiert von Andreas Sturm, 14.11.2017, 23:18 Uhr


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